Liebes zu dickes Kind,
dass ausgerechnet du viel zu dick bist, kann viele verschiedene Ursachen haben. Es kann zum Beispiel daran liegen, dass schon deine Großeltern etwas falsch gemacht haben bei der Ernährung deiner Eltern und dass du deshalb jetzt Ernährungsschäden von deinen Eltern geerbt hast. Selbst wenn die nicht dick sind, können sie es an dich weitervererbt haben.
Da hast du Pech gehabt, deine Klassenkameraden können sich bis obenhin vollstopfen mit allem, wozu sie Lust haben. Nur du darfst das nicht. Dabei hast gerade du den größten Hunger und den besten Appetit.
Dass du zu dick bist, kann auch daran liegen, dass du dich oft nicht wohl fühlst, dass du vielleicht unglücklich bist oder alleine. Wenn du dann Schokolade isst oder Chips oder Eis und dann noch ne Cola hinterherkippst, fühlst du dich gleich besser – aber leider nimmst du davon zu, und dadurch fühlst du dich einige Tage später noch schlechter und unglücklicher als vorher. Aus diesem Kreislauf den Ausgang zu finden, und zwar dauerhaft, das ist schwer!
Es gibt aber einen Ausgang, einen Weg, auf dem du es schaffen kannst, genau das Gewicht zu erreichen, das du haben möchtest, und dich trotzdem, wenn du es brauchst, so richtig voll stopfen zu können.
Das, was ich im Folgenden beschreibe, kannst du ganz allein schaffen, wenn kein Erwachsener da ist, um dir zu helfen. Es ist nur wichtig, dass du dir alles, was ich hier aufschreibe, gründlich durchliest. Lies es dir ruhig mehrmals durch. Mach dir bei Bedarf Notizen in dein „Ich-wird-jetzt-dünn-Heft“. Oder hast du noch keins? – Dann besorg dir einfach ein Schulheft und fang an mit Lesen und Aufschreiben.
Zunächst mal was zu deinen Eltern. Denen geht es auch nicht gut. Das liegt daran, dass wir alle gerade schwere Zeiten erleben und viele Menschen oft nicht mehr weiter wissen. Deine Eltern können nix dafür, dass ihnen oft nichts anderes mehr einfällt als sich vor die Glotze zu knallen und ne Tiefkühlpizza aufzubacken. Sie sind selber so erzogen worden. Und Fernsehen macht süchtig, irgendwann kommt man davon nicht mehr los. Du weißt selbst, wie das ist. Die Werbung im Fernsehen macht dann auch noch Appetit auf Ess-Sachen, die für Dicke nicht gut sind. Und schon wieder hat man so einen Kreislauf, aus dem man nicht rauskommt.
Guck dir also genau an, wie es deinen Eltern geht. Vielleicht verstehst du dann, dass ihnen momentan zu dir nichts anderes einfällt, als dich anzuschnauzen, dass du nicht soviel „fressen“ sollst. Sie meinen es meist gar nicht böse, aber sie wissen auch nicht, wie sie dir helfen können. Denn sie können ja nicht mal sich selber helfen.
Es kann aber sein, dass sie den Weg, den ich hier beschreibe, mitmachen. Das wäre für dich von Vorteil. Du kannst es ihnen vorschlagen.
Aber am besten machst du diesen Vorschlag erst dann, wenn du dir absolut sicher bist, dass du es in jedem Fall, also notfalls auch ohne sie durchziehen wirst.
Vielleicht neigen sie dazu, sich über dich lustig zu machen, weil sie denken: Kinder muss man nicht ernst nehmen. In diesem Fall solltest du dir genau überlegen, wie du sie dahin bringen kannst, dass sie deinen Plan nicht verhindern. Notfalls musst du sie ein bisschen erpressen. Wie das geht, erkläre ich dir am Schluss dieses Briefes.
Wenn du irgendwann mal gar nicht mehr weiter weißt, weil du mit deinen Bemühungen festsitzt oder „rückfällig“ geworden bist, kannst du mir einen Brief schreiben und erzählen, was passiert ist. Dann schreibe ich dir, wie du aus dem Loch wieder rauskommen kannst.
Auf keinen Fall musst du denken, dass du ganz allein auf der Welt bist. Denn du kannst immer, wenn Not am Mann ist, beim lieben Gott anklopfen. Du sagst einfach: „Lieber Gott, bitte hilf mir, dass ich es schaffe.“ Dann geht es meistens schon am nächsten Tag wieder besser.
Du wirst auch feststellen, dass es eine Menge Menschen gibt, die gern bereit sind, dich auf deinem Weg zu unterstützen. Teilweise sind das welche, die so etwas beruflich machen – wie zum Beispiel deine Lehrer oder Sozialarbeiter, die für deinen Stadtteil oder deine Gemeinde zuständig sind. Teilweise machen Leute so etwas ehrenamtlich – wie zum Beispiel beim Kinderschutzbund, bei der Arbeiterwohlfahrt oder bei den Kirchen. Du musst es nur schaffen, dich zu überwinden und die einfach um Rat oder Hilfe bitten. Wie man so etwas schafft, das werde ich dir in allen Einzelheiten erklären. Dann ist das nicht mehr so schwer.
Nun noch kurz was zum Thema Erpressung. Du kennst das, denn du wirst ständig erpresst:
„Wenn du deine Schularbeiten nicht fertig hast, darfst du nicht fernsehen oder mit deinen Freunden spielen.“
„Wenn du noch mal ne Fünf in Mathe schreibst, wird das Taschengeld gestrichen.“
„Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, darfst du nicht mit zu McDonalds.“
„Wenn du den Spinat nicht isst, kriegst du kein Eis zum Nachtisch.“
Du könntest den Spieß umdrehen. Dafür brauchst du „Verhandlungsmasse“, also Dinge, die du zu tun bereit bist, damit deine Eltern dir deine Wünsche oder Forderungen nicht abschlagen. Du könntest zum Beispiel anbieten, bestimmte Arbeiten im Haushalt zu übernehmen, zu denen sie regelmäßig zu faul sind, also worüber sie am meisten schimpfen. Du sagst:
„Ich mache immer samstags das Treppenhaus, wenn ihr mir den Sportverein bezahlt.“
„Ich sauge einmal pro Woche gründlich durch, wenn ihr mir das Geld für meinen eigenen Lebensmitteleinkauf gebt.“
Notfalls kannst du noch einen drauflegen und anbieten, einmal pro Woche dein Zimmer aufzuräumen. Aber man sollte vorsichtig sein mit zu großzügigen Angeboten. Denn erstens nehmen sie alles, was sie kriegen können, und zweitens weißt du nicht genau, ob du das dann auch tatsächlich durchhältst.
Also so wenig wie irgend nötig anbieten und gleichzeitig soviel wie nur irgend möglich rausschlagen. Nett sein kannst du später!
Vor allem überleg dir genau, was du am ehesten auf Dauer schaffen kannst. Du willst dich ja nicht überarbeiten, sondern leben!
Falls sie dir mit dem Gegenargument kommen, dass du angeblich keine Ahnung von Treppeputzen und Staubsaugen hast, sagst du einfach: „Dann lerne ich das jetzt.“ Bleib einfach hartnäckig, gib nicht auf, du wirst sehen, sie werden allein schon aufgrund ihrer Bequemlichkeit nach kurzer Zeit in die Knie gehen.
Von deiner „Verhandlungsmasse“ und wie du deine Eltern einschätzt, darfst du natürlich nichts in dein Ich-werd-jetzt-dünn-Heft schreiben. Da kommen keine Geheimnisse rein, sondern Notizen zu deiner neuen Ernährung, Listen von Lieblingsnahrungsmitteln, wichtige Adressen, Rezepte, die dir gut gefallen, und ähnliches mehr.
Du brauchst dir also keine Sorgen machen, wenn einer aus deiner Familie das Heft findet. Wenn sie sich darüber lustig machen, dann denk dir einfach, es ist ihr Problem, dass sie so blöd sind. Sie sind einfach nur ein bisschen neidisch oder eifersüchtig, weil du damit angefangen hast, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Niemand hindert sie daran, das Gleiche zu tun. Aber du bist nicht dafür verantwortlich, wenn sie es nicht tun. Also ist es auch nicht dein Problem, wenn sie neidisch sind.
Liebe Grüße
Deine Ameli
Meine Anschrift:
Ameli Zieseniß
Am Ortfelde 112
30916 Isernhagen
Deutschland
Samstag, 6. März 2010
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